Die nachhaltige Suchmaschine Ecosia arbeitet mit Qwant zusammen, um einen eigenen europäischen Suchindex aufzubauen und somit unabhängiger von Google und Microsoft zu werden. Gleichzeitig erweitert das Berliner Unternehmen des Gründers Christian Kroll seine Suche um KI-Übersichten und einen KI-Chat. Nutzerinnen und Nutzer haben aber auch die Möglichkeit, die KI-Funktionen vollständig abzuschalten. Damit positioniert sich Ecosia als europäische und nachhaltige Alternative zu Google, die Suchtechnologie, künstliche Intelligenz, Datenschutz und Klimaschutz miteinander verbinden möchte.
Du öffnest Chrome, tippst eine Frage ein und erhältst innerhalb von Sekunden die richtige Antwort. Vielleicht stellst du deine Fragen inzwischen gar nicht mehr klassisch, sondern direkt ChatGPT oder einem anderen KI-Chatbot. Genau hier verändert sich gerade ein Markt, der über viele Jahre erstaunlich berechenbar war. Mittendrin steckt ein Berliner Unternehmen, das viele von uns bisher vor allem mit einem Versprechen verbinden: suchen und dabei Bäume pflanzen.
Doch Ecosia will inzwischen deutlich mehr sein als die grüne Suchmaschine mit dem Baumzähler. Das Unternehmen baut gemeinsam mit Qwant einen eigenen europäischen Suchindex auf, integriert KI-Übersichten und einen KI-Chat und versucht gleichzeitig, sich von Google, Microsoft und anderen Big-Tech-Anbietern unabhängiger zu machen. Seit dem 30. Juli 2026 ist ein wichtiger Schritt erreicht: Ergebnisse aus dem europäischen Suchindex EUSP werden nun auch in Deutschland angezeigt. Ecosia will den Anteil im Laufe des Jahres weiter erhöhen.
Ecosia möchte längst mehr als Bäume pflanzen: Warum die grüne Suchmaschine gerade spannender wird
Wenn du Ecosia kennst, dann vermutlich wegen des Klimaversprechens. Das Geschäftsmodell ist schnell erklärt: Ecosia verdient unter anderem Geld mit Anzeigen innerhalb der Suchergebnisse. Diese Werbung wird über Partnerschaften mit Google AdSense und dem Microsoft Advertising Network ausgespielt. Die Gewinne fließen nach Angaben des Unternehmens vollständig in Klimaschutzmaßnahmen. Das hat inzwischen eine beachtliche Größenordnung erreicht. Im April 2026 meldete Ecosia den Meilenstein von 250 Millionen Bäumen. Nach Angaben des Unternehmens werden dabei nur Bäume gezählt, die älter als drei Jahre sind. Insgesamt hat Ecosia nach eigenen Angaben bereits mehr als 100 Millionen Euro in Klimaschutzmaßnahmen investiert, davon 18 Millionen Euro in erneuerbare Energien.
Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Baumpflanzprojekte. Ecosia investiert unter anderem in:
- Wiederaufforstung und Baumpflanzprojekte
- Solar- und Windenergie
- regenerative Landwirtschaft
- Biodiversität und den Schutz von Ökosystemen
- Überwachung von Waldflächen, etwa mithilfe von Satellitendaten und Biomasse-Monitoring
Ecosia gibt außerdem an, mittlerweile mehr saubere Energie zu produzieren, als für die eigenen Suchanfragen und KI-Funktionen benötigt wird. Auch beim Thema Profitmaximierung verfolgt das Unternehmen einen ungewöhnlichen Weg. Christian Kroll ließ Ecosia bereits 2018 als sogenanntes Steward-Owned-Unternehmen absichern. Vereinfacht gesagt soll dadurch sichergestellt werden, dass:
- Ecosia nicht einfach verkauft werden kann,
- Gewinne nicht an Eigentümer ausgeschüttet werden,
- der Unternehmenszweck langfristig erhalten bleibt.
In diesem Zusammenhang arbeitet Ecosia auch mit der Purpose Foundation zusammen. Das macht Ecosia zu einer interessanten nachhaltigen Alternative. Doch Sympathie und ein grünes Geschäftsmodell allein reichen nicht aus, wenn du langfristig gegen Google, Microsoft und andere große Technologieanbieter bestehen möchtest.
Der vielleicht wichtigste Schritt: ein eigener europäischer Suchindex
Genau hier wird es technisch interessant. Eine Suchmaschine ist nämlich weitaus mehr als nur die Oberfläche, in die du deine Suchanfragen eingibst. Dahinter steht ein riesiger Suchindex, in dem Webseiten erfasst, bewertet, sortiert und für deine Suche auffindbar gemacht werden.Einen solchen Index aufzubauen ist technisch und finanziell extrem aufwendig. Deshalb nutzen viele kleinere Anbieter zumindest teilweise die Infrastruktur großer Technologieunternehmen für ihre Suchergebnisse. Auch Ecosia arbeitet mit verschiedenen Quellen. Suchergebnisse können beispielsweise von Google, Microsoft Bing oder Yandex stammen.
Diese Abhängigkeit möchte man nun Schritt für Schritt reduzieren. Zu diesem Zweck hat Ecosia gemeinsam mit der französischen Suchmaschine Qwant die European Search Perspective, kurz EUSP, gegründet. Das Ziel ist ambitioniert: ein eigener europäischer Suchindex.In Frankreich ist EUSP bereits verfügbar. Seit dem 30. Juli 2026 werden entsprechende Suchergebnisse auch in Deutschland ausgespielt. Laut Ecosia soll EUSP bis Ende 2026 den Großteil der deutschen Suchanfragen beantworten können. Die Infrastruktur wird in Europa betrieben und unterliegt somit europäischer Rechtsprechung und Datenschutzregeln. Was zunächst nach einem technischen Detail klingt, könnte langfristig ziemlich relevant werden. Denn Suchmaschinen bestimmen nicht nur, welche Webseiten du findest. Sie entscheiden auch darüber, welche Informationen priorisiert werden, welche Infrastruktur deine Daten verarbeitet und von welchen Unternehmen digitale Informationszugänge abhängen.
KI verändert die Spielregeln der Suche
Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz unser Suchverhalten grundlegend. Seit der Einführung von ChatGPT sind wir es gewohnt, Informationen nicht mehr ausschließlich über eine Liste klassischer Suchergebnisse zu finden. Wir stellen komplette Fragen und erwarten direkt formulierte Antworten. Google reagiert darauf mit KI-Funktionen und „AI Overviews”. Microsoft hat Bing eng mit generativer KI verbunden. Auch Ecosia integriert inzwischen künstliche Intelligenz direkt in seine Suchmaschine. Aktuell gibt es zwei zentrale Funktionen: KI-Übersichten und KI-Chat. Die „KI-Summarys” fassen Informationen aus unterschiedlichen Suchergebnissen direkt oberhalb der klassischen Treffer zusammen. Sie werden über EUSP bzw. Staan bereitgestellt und nutzen derzeit ein Modell aus der Mistral-Familie.
Daneben bietet Ecosia einen eigenen KI-Chat. Dieser funktioniert ähnlich wie andere KI-Chatbots: Du kannst Fragen stellen, Informationen vergleichen, Themen recherchieren und deine Suche im Dialog weiterführen. Aktuell setzt Ecosia dafür auf Mistral Small 4. Damit versucht sich Ecosia zunehmend auch als Alternative zu den klassischen KI-Suchen von Google, Microsoft und anderen Anbietern zu positionieren.
Ecosia gibt dir die Möglichkeit, KI komplett auszuschalten
Eine Funktion fällt dabei besonders auf: Während viele Technologieunternehmen derzeit möglichst viele KI-Features in ihre Produkte integrieren, geht Ecosia auch einen anderen Weg. Seit Juli 2026 kannst du künstliche Intelligenz vollständig aus der Suche entfernen. Mit der Funktion „Suche ohne KI“ werden unter anderem deaktiviert:
- KI-Overviews
- der KI-Chat
- KI-basiertes automatisches Routing
Danach nutzt du Ecosia wieder weitgehend wie eine klassische Suchmaschine. Das kann vor allem dann sinnvoll sein, wenn du:
- gezielt eine bestimmte Website suchst,
- Öffnungszeiten oder Kontaktdaten prüfen möchtest,
- eine konkrete Information benötigst,
- generative KI aus Datenschutzgründen vermeiden möchtest,
- den zusätzlichen Energieverbrauch von KI-Anwendungen reduzieren möchtest.
Denn nicht jede Suchanfrage braucht zwingend ein KI-Modell im Hintergrund. Ecosia gibt Nutzerinnen und Nutzern damit bewusst die Wahl, wann sie KI einsetzen möchten und wann eine klassische Suche ausreicht.
Wie nachhaltig ist eine KI-Suchmaschine überhaupt?
Genau hier taucht jedoch eine Frage auf, die für nahezu alle digitalen Anbieter künftig wichtiger werden dürfte: Wie viel Energie benötigen KI-Suchen eigentlich? Generative KI benötigt deutlich mehr Rechenleistung als viele klassische digitale Anwendungen. Je häufiger KI-Antworten traditionelle Suchergebnisse ersetzen, desto relevanter wird deshalb auch der Stromverbrauch. Ecosia setzt eigenen Angaben zufolge bewusst auf kleinere und energieeffizientere KI-Modelle. Der aktuelle KI-Chat verwendet beispielsweise Mistral Small 4, und das Unternehmen verzichtet auf besonders rechenintensive Funktionen wie KI-Videogenerierung oder bestimmte Deep-Research-Anwendungen.
Darüber hinaus investiert Ecosia in Solar- und Windenergie und gibt an, mehr saubere Energie zu erzeugen, als die eigenen Suchanfragen und KI-Funktionen verbrauchen. Das Unternehmen weist jedoch auch darauf hin, dass die Emissionen aus dem Training der eingesetzten KI-Modelle derzeit nicht vollständig berücksichtigt werden können. Damit bleibt auch bei Ecosia eine entscheidende Frage offen: Wie nachhaltig kann generative KI tatsächlich werden, wenn ihre Nutzung in den kommenden Jahren massiv zunimmt?
Hat Ecosia wirklich eine Chance gegen Google?
Die wohl größte Frage lautet dennoch: Kann Ecosia Google tatsächlich gefährlich werden? Kurzfristig dürfte die Antwort eher nein lauten. Google ist tief in unserem digitalen Alltag verankert. Chrome, Android und zahlreiche weitere Dienste sorgen dafür, dass viele Menschen die Google-Suche verwenden, ohne diese Entscheidung jeden Tag bewusst zu treffen. Genau deshalb sind Voreinstellungen so wichtig. Ecosia lässt sich beispielsweise in Chrome oder auf Android als Standardsuchmaschine einrichten. Je nach Gerät, Browser und Region stehen unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung.
Die größte Hürde für alternative Suchmaschinen ist daher möglicherweise gar nicht die Technologie. Es ist unsere Gewohnheit. Schließlich wechselst du nicht jeden Morgen die Suchmaschine, sondern verwendest meistens das voreingestellte Angebot, das schnell funktioniert und die erwarteten Ergebnisse liefert.
Ecosia muss Google deshalb nicht eins zu eins kopieren. Interessant wird die Suchmaschine dort, wo sie sich bewusst unterscheidet: durch Klimaschutz, europäische Infrastruktur, Datenschutz, einen eigenen Suchindex und mehr Kontrolle darüber, wann KI eingesetzt wird.
Die spannendste Entwicklung ist nicht der KI-Chat
Bei IT-P denken wir, dass nicht der neue KI-Chat, sondern der Aufbau eines eigenen europäischen Suchindex das Spannendste an Ecosia ist. Genau hier zeigt sich, ob digitale Souveränität mehr ist als nur ein Schlagwort. Es geht nicht darum, Google, Microsoft oder andere große Anbieter grundsätzlich abzulehnen, sondern darum, echte Alternativen zu schaffen und Abhängigkeiten bewusst zu gestalten. Gleichzeitig finden wir Ecosias Ansatz interessant, nicht einfach überall KI einzubauen, sondern jedem die Wahl zu lassen. Denn mehr KI bedeutet nicht automatisch mehr Nutzen. Entscheidend sind immer der konkrete Anwendungsfall, funktionierende Prozesse und ein nachvollziehbarer Mehrwert. Wenn Ecosia einen europäischen Suchindex, Nachhaltigkeit und eine bewusst eingesetzte KI miteinander verbindet, entsteht eine ernstzunehmende Alternative. Und genau diesen Wettbewerb braucht der digitale Markt aus unserer Sicht.
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